Die sinfonische Seele der Volkslieder

veröffentlicht am
Donnerstag
21 Juli 2022

Val di sole
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Transkription für Orchester von Volksliedern aus dem Alpenraum

Im Gespräch mit Armando Franceschini

 

Die Beziehung zwischen klassischer Musik und volkstümlicher Tradition hat über die Jahrhunderte hinweg die Geschichte und die stilistische Entwicklung der Musikkunst geprägt. Die Volksmusik, die in ein tief vernetztes kulturelles Territorium eingebettet ist, wird von Zeit zu Zeit aufgrund ihrer Relevanz und Originalität zu charakteristischen Elementen der Musikgeschichte, im europäischen Raum etwa durch Komponisten wie Gustav Mahler, Johannes Brahms und Béla Bartók.

Für das Haydn Orchester schrieb der Komponist Armando Franceschini das Werk L’orchestra che canta (Das singende Orchester), in dem er verschiedene Volkslieder des Alpenraums harmonisierte und orchestrierte. Der Trientner lehrte an den Konservatorien von Mantua und Parma und hat seit 1982 den Lehrstuhl für Harmonielehre, Kontrapunkt, Fuge und Komposition am Konservatorium von Trient inne, dessen Direktor er von 1989 bis 2006 war.

 

Wie kam es zu dem Projekt der Neubearbeitung von Volksliedern für das Haydn Orchester?

«Mein Interesse, Lieder aus der volkstümlichen Tradition für Orchester zu transkribieren, besteht schon seit geraumer Zeit. Ich habe unter anderem mit dem Coro della SAT aus Trient und auch schon mit dem Haydn Orchester zusammengearbeitet. In diesem neuen Projekt, anders als in den vorherigen, handelt es sich um rein musikalische Harmonisierungen und Orchestrierungen, also ohne Text. Das Projekt entstand nach einem Gespräch mit Maestro Battistelli, der mich einlud, diese Neubearbeitung zu entwickeln, die mir manchmal als echte Herausforderung erschien.»

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Armando Franceschini

Was waren die größten Herausforderungen?

«Die größte Schwierigkeit bestand darin, die Charakteristiken der sechzehn ausgewählten Lieder beizubehalten, die im Wesentlichen die Traditionen repräsentieren, die im gesamten Alpenraum verstreut sind und sich mittels mündlicher Überlieferung entwickelt haben und weitergegeben wurden. In dieser Auswahl finden sich neben italienischen auch Zitate anderssprachiger Volkslieder, so zum Beispiel aus der ungarischen und böhmischen Tradition und auch aus der Kultur der zimbrischen und fersentalerischen Sprachminderheiten. Die Melodien, die sich in diesem Werk abwechseln, sind mal lebhafter, mal intimer und wurden in den 1950er und 1960er Jahren im Trentino gesammelt, vom Vallagarina-Tal über das Valsugana bis zum Val di Sole.»

 

Eine wahrhaft vielfältige Ausdruckswelt…

«Ganz genau. Es war eine anspruchsvolle und gleichzeitig sehr interessante Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen der orchestralen Textur und den Charakteristiken der verschiedenen Lieder zu finden. Der Verzicht auf den Text ermöglichte es, die Tiefe der Melodien zu erforschen. Auch in diesem Sinne sprechen wir von einem ’singenden Orchester’… .»

 

 

Übersetzung des Interviews, das Alessandro Rigolli mit Armando Franceschini geführt hat.