Jenseits von Klischees

veröffentlicht am
Dienstag
24 August 2021

Matteo Franceschini
Matteo Franceschini
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Von Trient nach Paris

Er trägt die Haare kurz, im Styling ein Hauch von Punk. Bevorzugt trägt er Gilet und Fliege – ein eleganter, schnörkelloser Look. Matteo Franceschini – Associated Artist der Stiftung Haydn 2020 und 2021 – entzieht sich gerne den Klischees der akademischen Musikwelt, doch nicht nur durch Äußerlichkeiten, sondern in erster Linie mit seiner Musik. Er gilt mittlerweile als einer der interessantesten und originellsten Komponisten unserer Zeit, selbst im strengen Umfeld der zeitgenössischen Musik. Spätestens 2019 erhielt er mit dem prestigeträchtigen Silbernen Löwen der Musikbiennale von Venedig den offiziellen Ritterschlag.

Franceschini wurde 1979 in Trient geboren, zog aber vor mittlerweile zwanzig Jahren nach Paris, nachdem er seine Studien am Konservatorium in Mailand und an der Accademia Nazionale di Santa Cecilia abgeschlossen hatte. In der französischen Hauptstadt setzte er seine Ausbildung im Rahmen des Cursus Annuel de Composition et d’Informatique Musicale am Forschungsinstitut für Musik IRCAM fort.

Die Arbeit an immer neuen Theatern, in verschiedenen Städten und an innovativen Klängen ließen ihn jedoch seine Wurzeln nicht vergessen: „Trient ist die Grundlage meines beruflichen Werdeganges, ohne diese Etappe des Weges wäre alles, was danach an Erfahrungen folgte, nicht möglich gewesen“, ist Franceschini überzeugt. „Das Umfeld, in dem wir leben, formt unsere Art des Denkens und Handelns, prägt unsere Persönlichkeit und bestimmt unsere Träume und Erwartungen. Jede berufliche Zukunftsvision, einschließlich jener des Künstlers oder der Künstlerin, ist untrennbar mit dem Leben verbunden, das uns tagtäglich umgibt.“

Matteo Franceschini
Matteo Franceschini

Zeitgenössische Musik mit einer Prise Rock

Opern, Orchester- und Chorwerke, Kammermusik, Filmmusik und Multimedia-Installationen gehören zu seinem Repertoire als Komponist, wobei es ihn auch nicht stört, die Karten einmal kräftig durchzumischen: Songbook zum Beispiel, ein Auftragswerk der Biennale von Venedig, wurde für Rockquartett, E-Ensemble und Live-Electronics geschrieben, um den für ihn zum Markenzeichen gewordenen Klangsynkretismus hörbar zu machen. Für die Food Opera Forèst, die im Jahr 2015 in Bozen über die Bühne ging, gelang ihm sogar der Spagat zwischen Musiktheater und Kulinarik.

Weitere Kompositionsaufträge erhielt Franceschini vom Philharmonieorchester der Scala, dem Pariser Ensemble Intercontemporain, der Wigmore Hall, dem Festival Mito, der Philharmonie de Paris, dem Orchestre National d’Île-de-France, dem Belgischen Nationalorchester, den Opernhäusern von Reims und Saint-Étienne sowie verschiedenen Musikfestivals. Auch die Stiftung Haydn gehört zu seinen Auftraggebern.

Alice
Alice

Im Bild: Das Musiktheater Alice aus der Feder Matteo Franceschinis

Im Einsatz für die Stiftung Haydn

Während er bereits an einer neuen Opernkomposition für die Stiftung Haydn feilt, deren Inhalt noch streng geheim ist, präsentierte Matteo Franceschini in diesem Jahr – der übrigens auch Jurymitglied des Fringe-Wettbewerbs ist – zwei Werke für die Stiftung Haydn: die Oper Alice, die am 5. und 6. Juni am Stadttheater Bozen auf dem Programm stand, und Requiem (Siá cará), dessen Aufführung im Rahmen des 37. Festivals Tanz Bozen stattfand.

Alice ist eine Neuinterpretation des Kinderbuchklassikers, während Requiem (Siá cará) ein Projekt mit internationaler Ausrichtung darstellt, dank der Mitwirkung des französisch-tunesischen Choreografen Radhouane El Meddeb und der kubanischen Kompanie MiCompañia unter der Leitung der Spanierin Susan Pous Anadon. Unweigerlich nimmt Franceschini dabei Bezug auf Mozart: „Ich bin begeistert von seiner Zeitlosigkeit, seiner Fähigkeit, ein Fenster aufzustoßen, durch das man tief in die Seele des Lebens, der Musik und der Kreativität blicken kann.“

Eine Hörprobe des Orchesterwerks Requiem (Sià Karà) für Tanz Bozen