Wie klingt Südtirol heute?

veröffentlicht am
Freitag
7 August 2026

Ortler_slideshow
Ortler
Veranstaltungskalender
Schließen
Der Komponist Gerd Hermann Ortler über „Polyphonic Superpower“, Vielsprachigkeit und die Kraft der Musik.

Erzählt Gerd Hermann Ortler. Ein ungewöhnlicher Vorgang für einen Komponisten. Bei genauerer Betrachtung wiederum ein ganz logisches Prozedere. Das von der Stiftung Haydn in Auftrag gegebene Werk soll anlässlich der 80. Jahresfeier des Pariser Abkommens, das Südtirols Autonomie völkerrechtlich absichert, mit Polyphonic Superpower – im wahrsten Sinne des Wortes – aus der Taufe gehoben werden.

Dieser Titel ist für den Südtiroler Komponisten Programm und von der ersten Note an eine musikalische Metapher für das gesellschaftliche Zusammenleben in einem Land der Vielsprachigkeit. „Polyphonie, wie wir sie in der Musik kennen, ist das gleichzeitige Erklingen von gleichberechtigten Stimmen, die gemeinsam die Gesamtharmonie eines Stücks ausmachen“, so Ortler, „vergleichbar mit unterschiedlichen Sprachgruppen, die als Teile eines großen Ganzen ein komplettes Bild, eine Gesellschaft ergeben“.

DIE UNTERSCHIEDE MACHEN UNS GEMEINSAM STARK …

Davon ist Gerd Hermann Ortler überzeugt. Diese Überzeugung will er mit seinem musikalischen Wurf Polyphonic Superpower in Klänge gießen. Das Bündeln von Stärken setzt ungeahnte Kräfte frei. Auch in der Musik. „Selten habe ich bei einer Komposition ein so klares Konzept vor Augen gehabt: Mein Stück beginnt mit einem Glockenschlag, einem singulären Ereignis, und daraus entfaltet sich die gesamte Komposition.

Das Orchester nimmt diesen Ton auf und beginnt musikalische Linien zu ziehen, die sich bewegen, miteinander reden und zu einem blühenden Gewächs werden. Es verhält sich wie in einem Orchester, in dem es unterschiedliche Instrumente gibt, die alle eine andere Sprache sprechen und vorerst nichts miteinander zu tun haben! Erst wenn sie zusammengeführt werden, entsteht das Werk. Wir Menschen müssen auch nicht alle gleich sein, um zusammenzugehören“.

MUSIK IST DIE GESTALTUNG DER ZEIT …

Aber nicht nur, betont Gerd Hermann Ortler. Musik wäre ohne Emotionen und Assoziationen nicht denkbar. Eine gute Geschichte, ein programmatischer Titel, aber auch ein Orchester oder ein Aufführungsmoment seien seine wahren Inspirationsquellen. Nur mit diesen Gedanken und der größtmöglichen künstlerischen Freiheit könne Musik entstehen und andere Menschen anregen und bewegen.

Gerade bei einem Auftragswerk bestehe die Kunst darin, sich von vermeintlichen Zwängen zu befreien, Deadlines, Moden und Stile beiseite zu schieben und mit seinem Werk alle Phasen zu durchlaufen. Schritt für Schritt und Tag für Tag an Vorhandenem anzuknüpfen, zu verwerfen, neu zu denken, weiterzugehen. „Deswegen ist eine Komposition auch ein interessantes Zeitdokument für und über einen selbst, ein Zeugnis verschiedener Gemüts- und Lebenszustände“.

ES IST EINE GROSSE LIEBE MEINES LEBENS …

Gesteht Gerd Hermann Ortler. „Als Bua aus Glurns habe ich schon meine Ängste gehabt: Kann ich es als Musiker schaffen, reicht es für ein ganzes Leben? Ich war immer schon ambitioniert und bin in die Welt hinausgezogen, um Neues zu entdecken, mich auszudrücken und eben auch eine Heimat für meine Musik zu finden! Ich sehe das als ein großes Geschenk. Heute, nachdem meine Werke auf großen Bühnen Platz gefunden haben, spüre ich jetzt eigentlich wieder eine tiefe Verbundenheit zur Heimat.

Und ich glaube, dass man das in diesem speziellen Werk, Polyphonic Superpower, hört. Es gibt einen Grundsound im Leben, den man von seiner Kindheit mitbekommt, der einen begleitet und vielleicht auch prägt. In meinem Fall war es mein Opa, der auch Kapellmeister in Glurns war. Er hat mich als kleines Kind ans Klavier gesetzt, bevor ich wirklich reden konnte. Das heißt, er hat mir eine Natürlichkeit beigebracht, also eine Natürlichkeit im Musizieren“.

WIR KÖNNEN DIE WELT MIT MUSIK NICHT ÄNDERN, ABER WIR BRAUCHEN SIE …

Das ist für Gerd Hermann Ortler Fakt. „Wenn man Menschen zum Träumen einladen, ihre Fantasie beflügeln und Horizonte erweitern kann, ist die Welt schon eine bessere! Und es braucht Kreativität. Wenn Kreativität aufhört, im Menschen zu sein, in der Gesellschaft Relevanz zu haben, dann glaube ich, ist es ein Symptom für eine Gesellschaft, die nicht mehr weitergeht, die stehen bleibt. Und stehen bleiben ist der Untergang“.