Nachgefragt bei Mira & Nicolò Umberto Foron

veröffentlicht am
Montag
1 Dezember 2025

Fratelli Foron
Fratelli Foron
Veranstaltungskalender
Schließen
Ist Musik Euer Leben? Und was vermag Musik für Euch, was andere Künste nicht vermögen?

Mira Foron – Musik ist zweifellos ein wichtiger Teil meines Lebens, sie ist meine Stimme nach außen. Durch Musik kann ich mich selbst, meine Gedanken, meine Gefühle und meine Erfahrungen ausdrücken. Musik ist eine universelle Sprache, die keine Worte braucht. Durch Musik teile ich gemeinsame Momente mit vielen Menschen. Das ist es, was Musik für mich so besonders macht: diese direkte Kommunikation.

Nicolò Umberto Foron – Musik ist sehr wichtig, weil sie es mir ermöglicht, Geschichten mittels Fantasie zu erzählen. Das ist für mich grundlegend: Fehlen die Worte, wird die Fantasie umso wichtiger und Musik öffnet da ganz besondere Räume. Das vermag keine andere Kunstform.

 

Klassische oder moderne Musik?

Mira – Mir fällt es sehr schwer, darauf eine angemessene Antwort zu geben, wenn ich es aber tun müsste, würde ich mich wahrscheinlich für zeitgenössische klassische Musik entscheiden, die mir oft einen direkten Kontakt und Austausch mit dem Komponisten ermöglicht hat.

Nicolò – Zeitgenössische Musik, weil sie die Fähigkeit hat, direkt auf aktuelle Ereignisse, Themen und soziale Spannungen in der Welt zu reagieren und darauf einzugehen.

Warum habt Ihr Euch für ein Instrument bzw. das Dirigieren entschieden?

Mira – Unsere Eltern sind beide Musiker, Cellisten, wir sind mit Musik aufgewachsen. Als Kind hörte ich immer bei den Proben zu, und mit drei Jahren sagte ich meinen Eltern, dass ich Geige spielen wolle, da dies für mich die natürlichste Form zu sein schien, mich auszudrücken.

Nicolò – Ich habe in meiner Jugend mit dem Klavier und dem Violoncello begonnen und mich dann dem Dirigieren zugewandt, weil ich es liebe, mit Musikern zusammenzuarbeiten. Der Beruf des Dirigenten bringt viele Menschen zusammen und konzentriert alle auf eine gemeinsame Geschichte, die wir dann mit dem Publikum teilen. Das macht das Dirigieren so einzigartig!

Wie ist es als Geschwisterpaar zu musizieren, oder anders gefragt, von seinem Bruder dirigiert zu werden?

Mira – Es ist immer etwas ganz Besonderes. Wir teilen Verständnis, gegenseitiges Vertrauen und eine gemeinsame Sprache. Viele Dinge müssen wir gar nicht erst besprechen, wir verstehen uns blind und haben sehr ähnliche Vorstellungen von Musik. Für mich ist es immer sehr inspirierend, mit meinem Bruder zu spielen. Ich bewundere seine Energie, die auf die Musiker und das Publikum übergreift.

Nicolò – Für mich bedeutet das gemeinsame Musizieren als Geschwisterpaar, eine unmittelbare Kommunikation und ein viel höheres Maß an Übereinstimmung zu haben. Das Konzert ist daher noch mehr das Ergebnis einer gemeinsamen Vision, die nicht nur in den Proben entsteht, sondern durch eben dieses jahrelange Verständnis und diesen jahrelangen Respekt gewachsen ist.

Seid Ihr Euch in Eurer musikalischen Auffassung grundsätzlich ähnlich, oder versucht Ihr Euren eigenen Weg zu gehen? Und habt Ihr eine ähnliche Herangehensweise an Werke?

Mira – Ich würde das so beschreiben: Wir sind als Künstler sehr unterschiedlich, aber wir haben eine ähnliche Vorstellung davon, was Musik in unserem Leben bedeutet und was wir vermitteln wollen. Sicherlich unterscheiden wir uns in einigen Feinheiten, und für mich ist gerade das Zusammenführen dieser Feinheiten und das gemeinsame Schaffen von etwas, das die Proben wirklich interessant macht.

Nicolò – Für mich ist es wichtig, als Künstler einzigartig zu sein. Aber wenn man zusammenarbeitet – sei es mit anderen Künstlern, Freunden oder der eigenen Familie –, ist es immer das Ziel, eine gemeinsame Vision zu schaffen. Umso wichtiger ist es daher, eine sehr stimmige Interpretation zu präsentieren, zu der man persönlich voll und ganz steht. Wir haben schon oft miteinander musiziert. Kürzlich, bei einem Bruch-Konzert, hat mich die Interpretation meiner Schwester Mira sehr inspiriert: Ich habe viel von Ihrer Art gelernt, dem Publikum den tiefen Sinn dieses Werks zu vermitteln.

Gibt es Perfektion in der Musik? Oder Eleganz?

Mira – Eleganz liegt für mich eindeutig in der Musik, sie hat einen ästhetischen und keinen rein technischen Wert. Ich glaube, dass Perfektion in der Musik nicht definiert werden kann, denn Musik ist eine kontinuierliche Entwicklung und Suche. Ich selbst bin immer auf der Suche nach neuen Ideen, neuen Inspirationen, um mich weiterzuentwickeln.

Nicolò – Perfektion gibt es wahrscheinlich nicht, Eleganz schon. Aber für mich bleibt das Wichtigste die Vorstellungskraft und die Fähigkeit, das Publikum aus der Welt der Worte in die Welt ihrer selbst zu entführen. Fast so, als würde man in ein Musik-Spa gehen.

Wie einsam ist man als Musiker:in?

Mira – Auf Reisen ist man natürlich oft sehr allein, vor allem als Solist oder Dirigent, aber man hat die Möglichkeit, neue Musiker und neue Kulturen kennenzulernen und sicherlich neue Inspiration und Energie daraus zu schöpfen. Als Musiker ist man auch oft einsam, zum Beispiel beim Üben. Ich brauche diese Ruhe und diese Zeit mit mir selbst jedoch. Ich empfinde es eher als eine Form von Ruhe und Gelassenheit denn als Einsamkeit.

Nicolò – Einsamkeit gehört zu unserem Beruf. Aber Musik hat eine einzigartige Kraft: Sie kann die Gefühle des Publikums verändern und gleichzeitig auch die des Künstlers. Dieser emotionale Dialog begleitet mich immer.

Was treibt Euch im Leben an? Was gibt Euch und was raubt Euch Energie?

Mira – Auch in meinem Leben sind mir meine Familie und meine Freunde sehr wichtig. Musik ist aber definitiv eine große Energiequelle. Das Reisen und Warten hingegen sind immer anstrengend.

Nicolò – Die Unterstützung meiner Familie gibt mir Kraft und Mut. Und ich habe das Glück, wunderbare Freunde zu haben, die mir viel Energie geben. Sie sind ein wesentlicher Teil meines Lebens.

Was macht Ihr, wenn Euch langweilig ist?

Mira – Das kommt tatsächlich sehr selten vor. Ich arbeite viel und nutze die Zeit auf Reisen, um Verwaltungsaufgaben zu erledigen oder Musikstücke zu analysieren.

Nicolò – Ich habe praktisch keine Zeit, mich zu langweilen. Wenn ich nicht arbeite, macht mir das Kochen für meine Freunde am meisten Spaß.

Über welches Thema könntet Ihr 30 Minuten sprechen, ohne jede Vorbereitung?

Mira – Ganz einfach: über Biologie und Genetik!

Nicolò – Ich könnte 30 Minuten lang ohne Vorbereitung darüber sprechen, wie wichtig es ist, miteinander zu reden, einander zuzuhören und einen offenen Dialog auch mit denen zu führen, die wir in unserer Gesellschaft nicht kennen. Als Gesellschaft brauchen wir mehr ehrliche und respektvolle Gespräche.

Worüber denkt Ihr am meisten nach? Was bereitet Euch Kopfzerbrechen?

Nicolò – Aus beruflicher Sicht denke ich oft darüber nach, wie ich die kraftvollste, persönlichste und dem Geist des Komponisten oder der Komponistin am nächsten kommende Interpretation finden kann. Diese Frage beschäftigt mich und hält mich oft wach.

Mira – Mir geht es ähnlich. Ich denke viel über die Stücke nach, die ich spiele und vorbereiten muss. Ich versuche, den Komponisten und das Stück so gut wie möglich zu verstehen und herauszufinden, was er oder sie mit seiner bzw. ihrer Musik ausdrücken wollte. Wenn mein Tag allerdings vorbei ist, lege ich mich ins Bett und schlafe.

Und wann hat sich Eure Meinung zu einem Thema das letzte Mal so richtig geändert?

Mira – Ich würde sagen, dass dies sehr oft vorkommt. Zum Beispiel bei Tschaikowskys Violinkonzert. Ich habe es studiert und mit 16 Jahren zum ersten Mal mit einem Orchester gespielt. Das letzte Mal habe ich es vor vier Jahren gespielt und viel von meiner damaligen Interpretation geändert. In den letzten Jahren habe ich natürlich viele Erfahrungen gemacht, die mich als Person und meine Vorstellungen von diesem Stück und von Musik im Allgemeinen verändert haben. Einer der Aspekte, die mich an Musik so faszinieren, ist die Vielfalt der Möglichkeiten, einen Ton, eine Phrase oder ein ganzes Stück zu spielen. Die Möglichkeiten sind unendlich, und ich glaube, dass es als Musiker unerlässlich ist, neugierig zu bleiben und offen für Veränderungen zu sein.

Nicolò – Ich kann das nur bestätigen! Ich ändere ständig meine Meinung. Jedes Mal, wenn ich ein Stück dirigiere, drucke ich die Partitur neu aus, denn jede neue Aufführung verändert meine Sichtweise völlig.

Gibt es etwas, wovon Ihr schon lange träumt, Euch aber noch nicht getraut habt, es zu tun? Und welchen Traum werdet Ihr Euch, Eurer Meinung nach, nie oder sehr schwer erfüllen können?

Mira – Man darf nie aufhören zu träumen …

Nicolò – Ich träume schon seit langem davon, die Turangalîla-Symphonie von Messiaen zu dirigieren. Ein Traum, der in greifbare Nähe gerückt, aber nicht einfach zu verwirklichen ist. Ich verfolge ihn jedoch weiter. Einen Schritt in diese Richtung habe ich kürzlich mit der Aufführung von Xenakis‘ Terretektorh gemacht.

Was würde uns an Euch überraschen?

Mira – Und dass wir immer lieber selbst kochen, auch wenn wir ständig unterwegs sind.

Nicolò – Es mag Euch überraschen, dass wir auf der Bühne zwar hoch konzentriert und verinnerlicht sind, abseits der Bühne dafür einfache, offene Menschen sind, die in Gesellschaft aufblühen.

Was fällt Euch an anderen Menschen sofort auf?

Mira – Ich schätze das Charisma einer Person.

Nicolò – Das Erste, was mir an Menschen auffällt, sind ihre Augen.

Was mögt Ihr an anderen Menschen?

Mira – Hm … Die Neugierde? Ich finde, man merkt sehr schnell, wie neugierig jemand ist. Ich glaube, dass der Dialog zwischen Menschen unerlässlich ist, nicht nur in der Musik, wo Kommunikation die Grundlage für alles ist, sondern vor allem im Leben. Die Neugierde, neue Dinge zu lernen, in andere und in ihre Geschichten einzutauchen.

Nicolò – Ich schätze es, wenn jemand die Fähigkeit hat, zu fühlen, nachzudenken und seine Gefühle wertzuschätzen. Ein respektvolles, intelligentes und herzliches Gespräch mit anderen inspiriert mich immer.

Was würdet Ihr gerne in der Welt verändern?

Mira – Ich würde noch ergänzen, dass es schön wäre, wenn man die klassische Musik und die Kultur für mehr Menschen zugänglicher machen könnte.

Nicolò – Ich würde mir mehr Kultur und mehr Musik auf der ganzen Welt wünschen.

Wenn Euer Leben ein Buch wäre, welchen Titel würde es jetzt im Moment haben?

Mira – Der Wind wird mich weit weg tragen …

Nicolò – Wenn mein Leben ein Buch wäre, wäre es im Moment ein Buch von Dostojewski.

Und last but not least: Was darf in Eurem Kühlschrank niemals fehlen?

Mira – Gemüse, Parmesan und Schokolade!

Nicolò – In meinem Kühlschrank darf guter Joghurt nie fehlen!

Verwandte Einträge