„In den schrecklichen Jahren des Großen Terrors habe ich siebzehn Monate mit Schlangenstehen vor den Gefängnissen von Leningrad verbracht.“ So erinnert sich Anna Achmatowa, eine der bedeutendsten Dichterinnen und Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, an das albtraumhafte Erlebnis der Inhaftierung ihres Sohns. Das sowjetische Regime hatte bereits ihren ersten Ehemann durch Erschießen hingerichtet [MK1.1]und ihren zweiten schickte es in den Gulag. Dennoch verließ Anna Achmatowa ihr Land nicht wie so viele andere vom Regime verfolgte Künstler:innen und Intellektuelle. Sie blieb und wurde während des Kriegs mit ihrer berühmten Radioansprache an die „Mütter, Ehefrauen und Schwestern von Leningrad“ zur eindringlichen[MK2.1] Stimme des Widerstands.
Dieses außergewöhnliche Künstlerinnenschicksal lässt Silvia Colasanti nach dem Libretto von Paolo Norilk in ihrer neuen Oper, einem Auftragswerk der Mailänder Scala, lebendig werden. Anhand von Erinnerungen, Gedichten und Figuren, die das Leben der Schriftstellerin geprägt haben, zeichnet Anna A. das Schicksal einer Frau nach, die beschloss, zu bleiben, Zeugnis abzulegen und ihren Schmerz künstlerisch zu verarbeiten. Anna A ist eine tiefgründige Reflexion über das Verhältnis zwischen Kunst und Macht, über weibliche Solidarität und über den Mut derer, die sich in ihrem künstlerischen Schaffen nicht beirren lassen, auch wenn ihnen jede Freiheit verwehrt zu sein scheint. Eine Oper, die den Blick in die Geschichte des 20. Jahrhunderts richtet, aber auch zur Gegenwart spricht und von der Kraft des poetischen Wortes erzählt: Nur scheinbar zerbrechlich, vermag es, sich der Gewalt zu widersetzen, die Erinnerung zu bewahren und einem ganzen Volk eine Stimme zu geben.