Wie kann man einer aufgeklärten und weisen Monarchie in Zeiten der Revolution zu einem besseren Ansehen verhelfen? Indem man Salieri mit einer Oper über einen großen Herrscher aus vergangenen Zeiten beauftragt, muss sich Leopold II. im August 1791, mitten in den Vorbereitungen für seine Krönung, gedacht haben. Schade nur, dass Salieri zu beschäftigt ist, aber nun gut, dann greift man eben auf Mozart zurück. Doch auch das Salzburger Genie befindet sich gerade in einer überaus intensiven schöpferischen Phase: Im Juli hat ihm Graf Franz von Walsegg den Auftrag für ein Requiem gegeben – anonym, da er es als sein eigenes Werk ausgeben wollte –, außerdem arbeitet Mozart seit einigen Wochen an einer neuen Oper, der Zauberflöte. Dennoch gelingt es ihm, die Auftragsoper für den zukünftigen König in nur achtzehn Tagen fertigzustellen.
La clemenza di Tito ist das Ergebnis dieses arbeitsreichen Sommers, der Mozarts letzter sein sollte. Das Libretto von Caterino Mazzolà (eine Adaption des Originaltextes von Pietro Metastasio), beschwört nochmals die Blütezeit der Opera seria herauf. Trotz der wenig schmeichelhaften Kritik seitens Leopolds Frau, Maria Luisa von Bourbon, erfuhr La clemenza di Tito einen wachsenden und anhaltenden Erfolg; auch im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde sie in ganz Europa aufgeführt. Dies zeugt von Mozarts außergewöhnlichem Talent, Meisterwerke unterschiedlichster Gattungen zu schaffen, sogar im Abstand von nur wenigen Tagen.