Musiktheater als Spiegel der Geschichte

veröffentlicht am
Montag
28 Februar 2022

scenografia falcone
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Die Oper

Dreißig Jahre nach dem Massaker von Capaci und fünfzehn Jahre seit ihrer Uraufführung am Teatro Cavallerizza di Reggio Emilia im Jahr 2007, wird die Oper Falcone, il tempo sospeso del volo mit Musik von Nicola Sani und Libretto von Franco Ripa di Meana, erneut aufgeführt. Die Koproduktion der Stiftung Haydn und dem Teatro Comunale di Bologna zeigt die Chronik des dramatischen Todes von Giovanni Falcone, der zusammen mit seiner Frau Francesca Morvillo und den drei Männern des Begleitschutzes, Antonio Montinaro, Rocco Dicillo und Vito Schifani, bei einem Attentat ums Leben kam, in einer Neuinszenierung. Ein abscheuliches Mafia-Verbrechen, das Italien und die Welt schockierte.

Seitdem ist Giovanni Falcone – gemeinsam mit seinem Weggefährten Paolo Borsellino, den wenige Monate später das gleiche Schicksal ereilte – zu einem universellen Symbol für den Kampf gegen die Mafia geworden. In einem Buch, das im Jahr vor seiner Ermordung veröffentlicht wurde (Cose di Cosa Nostra, Rizzoli 1991), stellt Falcone fest, dass „die Deutung von Zeichen, Gesten, Botschaften und Schweigen eine der Hauptbeschäftigungen des Ehrenmannes sei“. Ein Code, der eine idealtypische, wenn auch schreckliche Sprache darstellt, so wie das Theater mit seiner Verbindung aus Gesten, Stille und Geräuschen zur Kulisse für ein verdecktes Abbild der Wirklichkeit wird.

Besonderheiten, die Alessandro Rigolli mit dem Komponisten Nicola Sani und dem Regisseur dieser Inszenierung Stefano Simone Pintor vertieft hat.

Nicola Sani e Stefano Simone Pintor
Nicola Sani e Stefano Simone Pintor

Nicola Sani und Stefano Simone Pintor

Das Interview

Kann das Musiktheater ein so ernstes Thema wie den Mord an Giovanni Falcone verarbeiten?

NICOLA SANI: „Das Attentat von Capaci ist bis heute eine offene Wunde in der Geschichte Italiens. Für mich und den Autor des Librettos, Franco Ripa di Meana, hat die enge Bindung zwischen Kunst und Realität einen sehr großen Stellenwert. Nur wenn wir reale Ereignisse in den Mittelpunkt unseres Schaffens stellen, ergibt unsere Arbeit Sinn, sowohl für uns als auch für die Menschen da draußen.“

STEFANO SIMONE PINTOR: „Ich bin überzeugt, dass das Theater eine unverändert große Kraft ausstrahlt, deren Ursprung ich im Begegnungsmoment zwischen Schauspielern und Publikum einerseits und dem Mehrwert der Abstraktion andererseits sehe. Aus vielerlei Gründen, die auch technischer Natur sind, eignet sich das Theater weniger für die detailgetreue Erzählung einer Lebensgeschichte als etwa das Kino oder die Literatur. Daher muss ein Bühnenautor sich auf andere Stärken konzentrieren und dem Kern eines Stückes oder eines Konfliktes auf den Zahn fühlen. Er muss ergründen, die Essenz herausfiltern und mithilfe seiner Kunst das Unsichtbare sichtbar machen.“

 

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Stärken des Librettos?

NS: „Das Libretto besteht ausschließlich aus echten historischen Textdokumenten aus der Ära

Falcone: Interviews, Bücher, Briefe. Daher glaube ich, dass das Libretto vor allem eine Stärke hat: Es erzählt auf jene sehr klare, direkte Weise, die einen Operntext auszeichnet, die doch recht komplexe Geschichte Falcones.“

SSP: „Dank der streng dokumentarischen Herangehensweise läuft das Libretto niemals Gefahr, in diese romanhafte Verklärung Siziliens und die Klischees der Mafiawelt zu verfallen, die man aus berühmten Filmen zur Genüge kennt. Paradoxerweise kann sich das Publikum gerade deshalb, weil alles authentisch und frei von Fiktivem ist, besonders gut in Falcone hineinversetzen.“

 

Kommen wir zur Sprache der Musik. Nicola Sani, was sind die Besonderheiten, die Ihre Partitur auszeichnen?

NS: „Es war eine sehr große Herausforderung, diese Oper zu komponieren. Die elektronische Musik nimmt darin viel Raum ein, einerseits in Form von Realtime-Bearbeitungs- und Raumklang-Techniken, andererseits in Form von digitalen Multikanalaufnahmen. Auch der Rhythmus spielt eine wichtige Rolle. Das Musiktheater von Bertolt Brecht und Hanns Eisler ist für mich dabei sicher eine große Inspiration gewesen.“

 

Stefano Pintor, wenn wir den dramaturgischen Aspekt betrachten, mit welchen Mitteln haben Sie ihre Lesart der Geschichte in Ihrer Regie umgesetzt?

SSP: „Ein wesentliches Element ist das Bild, das wir auf der Bühne erzeugen wollten: ein schwarzes Loch ohne Boden, ein Strudel, ein Krater, einerseits jener reale, der von dem Attentat auf Falcone in die Erde gerissen wurde, andererseits, in symbolischer Hinsicht, die offene Wunde, die sich Mafia nennt und an der ganz Italien immer noch zu leiden hat.“

 

Was sind die größten Unterschiede zwischen der Erstaufführung der Oper vor etwa 15 Jahren und der aktuellen Neuinszenierung, oder gibt es keine?

NS: „Doch, natürlich, die Inszenierung hat sich maßgeblich verändert, auch verglichen mit der Produktion der Berliner Staatsoper aus dem Jahr 2017. In der Neuinszenierung verortet Stefano Simone Pintor die Oper erstmals in den Räumlichkeiten eines typisch italienischen Theaters. Das soll aber nicht heißen, dass es sich um eine „traditionelle“ Inszenierung handelt.

SSP: „Um einer Logik entgegenzuwirken, die uns vorgaukelt, wir hätte mit der Mafia nichts zu tun, und um keine Trennlinie zwischen dem ‚Wir‘ der Bürger/Zuschauer im Theater und ‚den Anderen‘, also den Schauspielern/Mafiosi, entstehen zu lassen, wird das Publikum in einige Opernmomente miteinbezogen, die Menschen sind Teil der Geschichte. Aber das muss man schon mit eigenen Augen gesehen haben, daher laden wir alle herzlich ein, zur Aufführung zu kommen…“

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