Sportgeist und Taktgefühl
veröffentlicht am
Dienstag
30 Dezember 2025
DER OLYMPISCHE GEDANKE ZÄHLT – AUCH IN DER MUSIK
Mögen die Spiele beginnen … Seien es Kultur-Festspiele oder olympische Winterspiele, der Blick der Welt, des Publikums ist auf ein besonderes Ereignis gerichtet, das in einer Höchstleistung gipfelt und bei dem es um weit mehr als nur Rekorde, Medaillen, Preise und das Gewinnen geht. Es geht um eine Haltung und um Werte. Der olympische Gedanke wird seit jeher von Fairness, Hingabe, Disziplin, Respekt und der Suche nach dem Schönen im menschlichen Tun getragen. Genau da kommen einander zwei scheinbar gegensätzliche Welten nahe: Sport und Musik. Zwei Ausdrucksformen menschlicher Natur und Kultur sind in ihrem Wesen seelenverwandt, in ihrer Funktionsweise ähnlich getaktet. Beide Disziplinen leben von Konzentration, Rhythmus, Präzision, Ästhetik und Leidenschaft.

Leonard Bernstein
MUSIK IST BEWEGUNG UND SPORT, TAKTGEFÜHL
Verfolgt man ein Skirennen, fiebert man bei einer Abfahrt mit, staunt man über die Bravourstücke der Eiskunstläufer:innen, erlebt man hautnah, wie sich Spannung aufbaut, verdichtet und auch wieder auflöst. Sport lebt also von diesen Momenten, von Rhythmus und innerer Ordnung. Und verhält sich Musik nicht ähnlich, lebt sie nicht auch von Spannungsbögen und Dramaturgien? Musik sei „organisierte Bewegung in der Zeit“, meinte der berühmte Dirigent Leonard Bernstein einmal sinngemäß. Genau das ließe sich auch über sportliche Leistungen sagen. Bewegungen werden choreografiert und präzise einstudiert, Abläufe trainiert und mit Taktgefühl verfeinert, Kräfte gezielt eingesetzt. „Meine Kür ist ohne Musik leer und seelenlos“, so der Eiskunstläufer John Curry; „die Musik ist es, die meinen Bewegungen Sinn gibt und den Ausdruck verleiht.“ Auch der spanische
Tennisspieler Rafael Nadal beschrieb seine sportlichen Wettkämpfe mit einer Komposition: Man müsse bei jedem Spiel den Rhythmus finden, Pausen bewußsst setzen und mit Dynamiken arbeiten. Der Körper werde dabei zum Instrument, der Athlet zum Interpreten.

John Curry
ZWISCHEN WETTKAMPF UND HARMONIE
Je mehr man nach den Gegensätzen von Sport und Musik sucht, umso mehr Gemeinsamkeiten entdeckt man. Pierre de Coubertin, Begründer der modernen Olympischen Spiele, dachte Sport, Kunst und Musik stets zusammen. Nicht zufällig gehörten bei frühen Olympischen Spielen Wettbewerbe in Literatur, Architektur und Musik zum Programm. Für Coubertin war klar: Der wahre olympische Geist entsteht dort, wo Körper und Geist gemeinsam ins Spiel gebracht werden. Davon zehren nicht nur Musiker:innen, sondern auch Sportler:innen. Viele Athlet:innen setzen ganz bewusst schon im Vorfeld auf die Kraft von Musik. Sie hilft, den Atem zu beruhigen, den Fokus zu schärfen, die innere Unruhe zu ordnen. Der ehemalige norwegische Starbiathlet Ole Einar Bjørndalen soll sich vor Wettkämpfen mit Bach und Mozart vorbereitet haben – nicht um sich in Stimmung zu bringen, sondern als mentales Training. Im Gegenzug gehört körperliche Bewegung längst zum Alltag vieler Musiker:innen. Der
bekannte Cellist Yo-Yo Ma betont immer wieder, wie wichtig Dehnung, Gehen oder gezielte körperliche Übungen vor dem Auftritt für ihn seien. Wer auf der Bühne Höchstleistung bringen will, braucht einen wachen, präsenten Körper, gewappnet für den Kampf mit der Zeit, der eigenen Nervosität und den eigenen Grenzen.

Yo-Yo Ma
DER GEMEINSAME WEG IST DAS ZIEL
Stehen einzelne Athlet:innen oder Musiker:innen im Rampenlicht, zählen am Ende doch das Miteinander und das gemeinsam Geschaffte. Hartes sportliches Training oder das Streben nach technischer Perfektion sind eine persönliche Herausforderung für jeden Sportler und jeden Musiker.
Beides wird im mannschaftlichen Zusammenspiel und in der Größe des Miteinanders mit Harmonie belohnt. Ob mit oder ohne Medaille. Sind es nicht die Dirigenten und die Trainer, die die Kräfte und das Können ihres Orchesters und ihrer Mannschaft für den stimmigen und richtigen Moment bündeln?
DIE KUNST DES AUGENBLICKS
Sport ist eben mehr als nur Leistung und Musik mehr als nur Klang. Beide streben nach Emotion und Vollendung. Der Pianist und Philosoph Theodor W. Adorno betonte, Musik sei „geronnene Zeit“. Die sportliche Höchstleistung könnte man als verdichtete Zeit verstehen, in der jahrelanges Training, Scheitern und Wachsen in einem einzigen Moment kulminieren. So treffen sich Sport und Musik im philosophischen Sinn als Versuch, dem Flüchtigen Dauer zu verleihen und im Augenblick etwas Zeitloses zu schaffen.