Welche musikalischen Eigenschaften kennzeichnen die beiden Werke des Abends?
Schon der Name Wolf-Ferrari genügt, um eine Vorstellung von seiner Ausbildung, seinen künstlerischen Interessen und seinem Stil zu gewinnen. Aus biografischen Gründen steht er zwischen zwei Kulturen – der deutschen und der italienischen –, zwischen zwei Jahrhunderten und zwei Leidenschaften: Malerei und Musik. All dies prägt seine Art, Musiktheater zu gestalten. Beim Hören seiner Werke wird deutlich, wie meisterhaft er diese unterschiedlichen Einflüsse verbindet und daraus eine eigene Welt erschafft, in der Mozart und Verdi, Donizetti und Strauss, Rossini und Lehár einander begegnen. Il segreto di Susanna ist ein solches Schatzkästchen, das seine musikalischen Vorlieben bewahrt. Schon der Name der Protagonistin – Susanna wie in Le nozze di Figaro – spricht Bände. Er deutet sie neu und umhüllt alles mit einem feinen Schleier von Nostalgie, der unmittelbar berührt.
Bei Nino Rota wiederum machte der Film seine Musik weltbekannt, verdeckte aber oft die feinere Dimension seines Schaffens. 1950, im Jahr der Entstehung von La notte di un nevrastenico, dominierten in Theatern und Konzertsälen Boulez, Stockhausen und Nono. Rota jedoch blieb in seiner eigenen „Blase“, wie Fellini sagte: Er schrieb nicht modisch, sondern so, wie es ihm entsprach. Eine zutiefst unkonventionelle Haltung, die die Zeit überdauert hat. Jazz, Unterhaltungsmusik, italienisches Melodram, Britten und Offenbach – alles fließt in einen unverkennbar eigenen Stil. Vielleicht möchte auch die Hauptfigur seiner Oper in einer solchen Blase leben. Und vielleicht ist der Neurastheniker, der sich vom Lärm – und damit von der Musik – abschirmen will, ein Stück weit Rota selbst.

Welche Herausforderungen stellen die Werke aus interpretatorischer Sicht?
Rotas Musik verlangt den Sängerinnen und Sängern, mühelos zwischen verschiedenen Genres zu wechseln, von der Operette bis zum Jazz, ohne die Klischees des traditionellen Musiktheaters zu bedienen. Es gibt kein Wort im Libretto von Bacchelli, das nicht durch Harmonie, Rhythmus oder Melodie in seiner Bedeutung präzisiert wird. Man versteht die Szene oft schon durch die Musik, bevor man die Regieanweisungen liest.
Bei Il segreto di Susanna liegt die Schwierigkeit eher darin, die Fallen des Verismus zu vermeiden und in einer farbig instrumentierten, modernen Partitur jene Anmut und Leichtigkeit vergangener Zeiten freizulegen. Wolf-Ferrari stellt außerdem eine besondere Aufgabe an das Orchester: Es soll musikalisch etwas sichtbar machen, das sich eigentlich kaum darstellen lässt, nämlich Rauch, aufsteigende Schwaden und den Geruch einer Zigarette. Eine Herausforderung, die nur jemand meistern kann, der, wie Wolf Ferrari, auch ein versierter Maler war und daher mit Farben und Schatten umzugehen wusste.
Dirigieren Sie diese Werke zum ersten Mal?
Il segreto di Susanna habe ich bereits vor einigen Jahren in Triest dirigiert. Für Decca habe ich das gesamte sinfonische Werk Rotas aufgenommen und zahlreiche seiner Opern geleitet. La notte di un nevrastenico hingegen dirigiere ich nun erstmals und ich bin der Stiftung Haydn dankbar, dass sie mir diese Gelegenheit gibt.

Sprechen die Themen dieser Opern auch heute das Publikum an?
Ich bin überzeugt, dass Oper nur dann existieren kann, wenn sie mit ihrem Publikum in einen Dialog tritt. Nicht nur, weil sie Themen behandelt, die über die Jahrhunderte hinweg aktuell bleiben, sondern vor allem, weil sie auf der Bühne psychologische Situationen zeigt, die jeder Mensch schon einmal erlebt hat. Ich denke nie an ein Publikum als an eine anonyme Masse, sondern an einzelne Menschen, die in einer Figur, einem Bühnenbild oder einem Wort etwas von sich selbst wiederfinden und darin Trost, Ärger oder Freude entdecken. Genau diese psychologische Dimension macht die Musik spürbar und verständlich, dort, wo die Worte des Librettos allein nicht ausreichen.
Was bedeutet es, heute zwei so selten gespielte Opern aufzuführen, und welche Rolle spielte das italienische Musiktheater des 20. Jahrhunderts für die musikalische Entwicklung?
Seit Jahren dirigiere ich Werke italienischer Komponisten des 20. Jahrhunderts, die nahezu „verschwunden“ sind – Refice, Marinuzzi, Rieti, Alfano. Und immer wieder werde ich von Orchestern und Publikum gefragt: „Warum hört man das nicht öfter?“ Die Musikgeschichte ist voller Umbrüche und Richtungswechsel. Auch Komponisten, die wir heute für unverzichtbar halten – Bach, Mahler, Haydn –, sind zeitweise völlig in Vergessenheit geraten. Es überrascht daher nicht, dass Rota und Wolf-Ferrari lange am Rand des Interesses standen: Sie passten schlicht nicht in das, was man heute „Mainstream“ nennt. Doch es gibt Momente, in denen sich der Blick verändert, durch eine gelungene Aufführung, eine Einspielung oder ein Thema, das plötzlich wieder relevant wird. Dann beginnt man, jenseits aller Moden, auf die Qualität zu hören: auf die technische Meisterhaftigkeit, die Inspiration, die Originalität. Ich hoffe, dass wir im Kleinen dazu beitragen können, Rota und Wolf-Ferrari wieder ihren Platz zurückzugeben – als Komponisten, die der Musik des europäischen 20. Jahrhunderts einen unverkennbaren Stempel aufgedrückt haben.