Machen wir eine kleine Zeitreise, liebes Publikum. Stellen Sie sich vor, Sie gehen am Abend des 29. Mai 1913 in das Pariser Théâtre des Champs-Élysées. Es herrscht pures Chaos. Sie haben Mühe zu erkennen, was da vor sich geht, denn jemand lässt die Lichter im Saal ständig an- und ausgehen. Er versucht, das Publikum zum Schweigen zu bringen. Hinter den Kulissen gibt ein Mann den Takt vor. Die Tänzer auf der Bühne, die mit seltsamen Kopfbedeckungen und langen Zöpfen geschmückt sind, können ihn aber nicht hören. Aus dem Orchestergraben dringt, im Wettstreit mit dem Lärm der Stimmen im Saal, eine rhythmische, obsessive, urzeitliche und zugleich hochmoderne Musik: Es ist Igor Strawinskys Le sacre du printemps bei seiner ersten – historischen – öffentlichen Aufführung.
Le Sacre du Printemps schreibt Skandalgeschichte
veröffentlicht am
Mittwoch
6 Mai 2026
Trient
14.30
Der Komponist dieser unerhörten Musik erhebt sich nach nur wenigen Takten von seinem Sitzplatz und eilt, unter Gelächter und drohenden handgreiflichen Auseinandersetzungen, hinter die Bühne, um niemand Geringeren als den legendären Tänzer und Choreografen Nižinskij davon abzubringen, auf die Bühne zu springen und einen Skandal auszulösen. Und unbeirrt musizieren Dirigent und Orchester weiter. Das Publikum beruhigt sich allmählich. Am Ende des Balletts werden der Maestro und die Tänzer mehrmals für den Applaus auf die Bühne gerufen.
Werfen wir noch einen kleinen Blick in das Restaurant, in dem die illustre Runde den aufwühlenden Abend noch einmal Revue passieren lässt … Wir vernehmen die Bemerkung des zufriedenen Impresarios der Ballets Russes, Djagilew: „Genau das, was ich wollte.“ Mit ihm am Tisch Strawinsky und Nižinsky, „aufgeregt, wütend, angewidert und … glücklich“, wie sich der Komponist später erinnern wird.
Was bleibt von diesem Skandal
Genau 113 Jahre später, am bevorstehenden 29. Mai 2026, führen wir Le sacre du printemps im Stadttheater Bozen auf. Skandalisieren kann man mit diesem Werk heute wohl niemanden mehr; die revolutionäre Kraft und die mitreißende Körperlichkeit von Strawinskys Partitur wühlen aber nach wie vor auf und versetzen das Publikum in Trance. Zu wild und archaisch, zu tobend und tosend sind die rituellen Opfertänze dieses Frühlingsrausches.
Die Uraufführung des „sacre“ hat sich als Paradebeispiel eines sensationellen Misserfolgs in die Geschichte eingeschrieben, und doch entspricht dies nicht der Wahrheit. Diese so neuartige Musik wurde bereits innerhalb weniger Stunden nach der Uraufführung zum Gesprächsthema, zur Kontroverse und zum Gegenstand der Neugierde. Djagilew war es wieder einmal gelungen, mit einem Theaterabend in aller Munde zu sein.
Jede neue Wiederaufnahme dieses Balletts ist daher eine Gelegenheit, sich zu erinnern, aber auch zu fragen: Was kann uns heute in der Kunst noch schockieren und begeistern? Ist in unserer Gesellschaft überhaupt noch Platz für Skandale oder ist jegliches Tabu salonsfähig geworden? Und welche Musik ist in der Lage, unsere Werte als Gemeinschaft infrage zu stellen?
Finden Sie es, liebes Publikum, am 29. Mai im Stadttheater Bozen selbst heraus.