Gegenstände der Erinnerung

veröffentlicht am
Dienstag
3 März 2026

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Mit seiner beeindruckenden Installation im Pariser Grand Palais hat Christian Boltanski vor Jahren versucht, das 20. Jahrhundert einzufangen – eine riesige Mauer aus Hunderten kleiner Eisenschubladen. Auf jeder Schublade befindet sich ein weißes Etikett mit einer Nummer darauf. Öffnet man nach dem Zufallsprinzip eine der Schubladen, findet man darin in keiner erkennbaren Reihenfolge jeweils ein Foto, eine Geburtsurkunde, ein altes Schulzeugnis, ein Auszug aus dem Melderegister sowie kleine Alltagsgegenstände wie eine zerbrochene Brille oder einen alten Fotoapparat. Jede dieser Schubladen birgt, so Boltanski, das Leben eines Menschen. Und es sind diese Gegenstände – nicht die Vor- und Nachnamen –, die diese aus einer Vielzahl fragmentarischer Identitäten bestehende „Mauer des 20. Jahrhunderts” bilden. Nicht durch Zufall trägt die Installation den Titel Personnes, ein französisches Wort, das im Singular sowohl „niemand“ als auch „Mensch“ bedeutet.
Ryūnosuke Akutagawa: Visionär in seiner kurzen Zeit

Auf einer dieser Schubladen könnten auch das Etikett und die Nummer eines Menschen kleben, der im letzten Jahrhundert gelebt hat, wenn auch nur für eine schmerzvoll kurze Zeit: Ryūnosuke Akutagawa, japanischer Schriftsteller und Dichter, geboren 1892 und 1927 durch Suizid verstorben, Autor von Dutzenden Erzählungen und Romanen, darunter die geniale Sammlung Rashōmon, auf deren Grundlage Akira Kurosawa 1950 seinen fantasievollsten und visionärsten Film drehte.
1927, in seinem Todesjahr, schreibt Akutagawa eine weitere Erzählung, die weniger bekannt, jedoch nicht minder berührend und eindringlich ist: Brief an einen alten Freund, worin er diesem kühl und distanziert seinen bevorstehenden Freitod offenbart. Der sich dann auch unaufhaltsam vollzieht. Und aus dieser Erzählung, die er in seiner Jugend gelesen und irgendwann wieder vergessen hatte, erschuf David Lang, der New Yorker Komponist und Mitbegründer des revolutionären Musikkollektivs Bang on a Can, im Jahr 2023 ein Monodrama für Stimme und Streichquartett. In Anlehnung an den Originaltitel seiner literarischen Vorlage nannte er es Note to a Friend. Auch das Libretto dazu schrieb er. Obwohl bei der Uraufführung, die von der Japanese Society in New York veranstaltet wurde, Yoshi Oida, ein Meister des japanischen Theaters, Regie führte, vermied es Lang, die japanische Kultur des Selbstmords zu thematisieren, und ersetzte in seinem Monodrama den realen Ich-Erzähler Akutagawa durch einen fiktiven Protagonisten,  den rätselhafteren „Dead Man“.

 

Zwischen Oper und Schauspiel: Die Vision von Fabio Cherstich

Diesem Weg folgt nun auch der Regisseur Fabio Cherstich, Artist in Residence der Stiftung Haydn von Bozen und Trient, der dennoch eine völlig neue und originelle Sichtweise auf Langs Werk präsentiert.„Obwohl ich Akutagawas Text sehr bewundere“, sagt er, „wollte ich in meiner Inszenierung – wie übrigens auch David Lang – keinen Bezug zur japanischen Kultur und dem ‚orientalischen‘ Konzept der Selbsttötung herstellen. Es sind ganz andere Aspekte, die mich auf Anhieb an diesem Monodrama fasziniert haben. Zum einen sein zutiefst theatralischer Charakter: Obwohl die Hauptrolle von einer Singstimme getragen wird, empfinde und interpretiere ich sie wie einen Prosamonolog. Mit allem, was diese Entscheidung mit sich bringt. Zum anderen reizt mich das zentrale Motiv von Akutagawas Erzählung, nämlich die Rekonstruktion des Lebens eines Selbstmörders anhand der Gegenstände, die ihm gehörten. Kurzum, mich interessiert der Erinnerungsgehalt der Objekte aus dem Alltagsleben von Menschen. Und in dieser Hinsicht sind für mich die Werke von Christian Boltanski, die sich dem Thema Erinnerung widmen, eine große Inspirationsquelle.

Cherstichs Inszenierung: Die neuen Elemente

Zwischen Akutagawas Erzählung, Langs Libretto und meiner Inszenierung gibt es wesentliche Unterschiede. Im Ursprungstext ist es der Protagonist selbst, der in seinem Brief an einen Freund eine Art persönliches Museum mit den Gegenständen seiner künftigen Erinnerungen errichtet. In Langs Libretto ändert sich die Perspektive radikal: Der Protagonist ist nicht der japanische Schriftsteller, sondern eine abstrakte Figur, die wir bereits leblos vorfinden: The Dead Man – wie er ihn nennt. Und seine Freunde sind es, die verschiedene Erinnerungsträger  sammeln: Nachrichten, Texte, Fotos, E-Mails. ‚Sie tun es in der Hoffnung‘, wie Lang schreibt, ‚eine Bedeutung zu rekonstruieren, eine in den Fragmenten verborgene Botschaft zu finden.‘ Auch mein Protagonist spricht post mortem, aber die Zeugnisse seines Alltagslebens sind andere, sie bestehen nicht nur aus Texten, sondern hauptsächlich aus akustischen und visuellen Objekten: Tonbändern, Audio- und Videoaufnahmen, Bildfragmenten, Fotos. Und das gibt mir die Möglichkeit, ein stark visuelles und vielleicht auch visionäres Bühnenbild zu gestalten – wie so oft in meinen Theaterarbeiten –, auch wenn die Elemente selbst zum Teil überaus realistisch sind.

 

 

Auf den Spuren der Erinnerungsobjekte

Wenn die Hauptfigur von Note to a friend auch noch nach ihrem Tod auf der Bühne agiert, wem obliegt es dann, ihre Erinnerungsträger zu sammeln? „Dafür habe ich vier weitere Figuren erschaffen, die natürlich stumm sind, aber eine entscheidende Funktion erfüllen. Eine davon, der ‚Detektiv‘, hat die Aufgabe, die einzelnen Erinnerungsfundstücke zu sammeln, zu untersuchen, anzuhören und anzusehen. Er ist eine mehrdeutige Figur, könnte eine Art Doppelgänger des Protagonisten sein oder auch eine Metapher für dessen Existenz. Außerdem treten der Vater, die Mutter und die Schwester des ‚Dead Man‘ auf. Die Mutter ist eine Malerin,  von der man einige Bilder sieht, die aber irgendwann sowohl sich selbst als auch ihre Werke vom Bildschirm löscht. Ein grundlegender Unterschied zwischen Yoshi Oidas Uraufführungsinszenierung und meiner Regiearbeit besteht darin, dass man in ersterer den Verstorbenen hauptsächlich beim Schreiben sieht. In meiner hingegen beobachten wir ihn beim Aufzeichnen – wie den Protagonisten in Simon Becketts Krapps letztes Band: und zwar der Audio- und Videoaufnahmen, die sein Leben geprägt haben und die wir über Lautsprecher hören und auf drei Bildschirmen verfolgen, die versetzt auf der Bühne angeordnet sind.“

 

Die Rolle von Instrumentalmusik und Publikum

David Langs Monodrama ist in zwei instrumentale Szenen (Prelude und Amen) und sieben Vokalszenen unterteilt. Eine davon, die achte, „I wanted to die”, ist besonders lang und gesanglich sehr anspruchsvoll. Wie inszenieren Sie diese „Episoden“: als abgeschlossene Szenen, als narrative Elemente, als dramaturgische Einheiten? „Nein, ich glaube, die Zuschauer:innen und Zuhörer:innen nehmen keine Zäsuren wahr. Ich habe in der Tat versucht, das Geschehen im Bühnenraum als kontinuierlichen Fluss zu gestalten, wie einen nicht versiegenden Strom von Erinnerungen. So wie wenn man das Leben eines Menschen rekonstruieren möchte, der nicht mehr da ist, und viele kleine Erinnerungsfragmente zusammenfügt, die sein ganzes Leben ausgemacht haben … Im Grunde bitte ich das Publikum, das Leben des Dead Man, die Teile und Gegenstände seines Daseins, wieder zusammenzusetzen. Eine private Beziehung zu ihm herzustellen, bis sich eine gewisse Form von Empathie einstellt. Dazu trägt auch der intime Charakter der Inszenierung bei. Das Streichquartett beispielsweise befindet sich hinter einem Tüllvorhang, man sieht nur vier schwarze Silhouetten, die mit dem Hintergrund und den Bildschirmen verschmelzen, um die Beziehung zwischen dem Protagonisten und seinem Publikum nicht zu stören. In den ersten fünfundzwanzig Minuten vollzieht sich die Handlung ‚hinter der vierten Wand‘, aber dann, in der von Ihnen erwähnten Episode ‚I want to die‘, bricht diese unsichtbare Trennlinie zwischen Zuschauer:innen und Bühnengeschehen sozusagen in sich zusammen und der Protagonist wendet sich direkt an die Zuschauer.

Die Anemoia zwischen Koenig, Pessoa und Boltanski

Was ich hervorrufen möchte, ist diese besondere Empfindung, die auch mich überkam, als ich dieses Werk entdeckt habe, und die ‚Anemoia‘ genannt wird: eine Sehnsucht nach dem, was nie war, nach dem, was man nicht kennt, nach dem, was man nie erlebt hat.“
Anemoia ist ein Kunstwort, das der US-amerikanische Autor John Koenig 2012 durch die Verbindung der altgriechischen Begriffe ànemos (Wind) und nòos (Geist) erfand und das „Die Sehnsucht nach einer Zeit, die man selbst nie erlebt hat“ meint. Aber vor ihm hat diese besondere Form der Nostalgie bereits auf schmerzhafte und präzise Weise Fernando Pessoa, dieser Erforscher der Gefühle, beschrieben. Und so könnten Akutagawas Objekte der Erinnerung sowie die von David Lang erdachten und von Fabio Cherstich inszenierten Erinnerungsträger nicht nur in den Schubladen der „Mauer des 20. Jahrhunderts“ von Christian Boltanski zu finden sein, sondern auch in jenem außergewöhnlichen literarischen und zugleich realen Museum der Erinnerungen, das Orhan Pamuk „Museum der Unschuld“ nannte.

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