Make the long story short
veröffentlicht am
Montag
2 Februar 2026
DIE KUNST DES VERDICHTENS …
Was also kann das Kurze, was das Lange nicht kann? Das Geheimnis liegt in der Kunst des Verdichtens, in der Konzentration auf das Wesentliche. Da ist kein Raum für das Kontemplative, für dekorative Umschreibungen, Nebenhandlungen und erklärende Vorgeschichten. Was bleibt, sind derKonflikt, die Zuspitzung, der dramatische Gefühlsausbruch. Komponisten wie Librettisten zwingen sich dazu, radikal zu entscheiden und zu handeln: Was dem Kern des Werks nicht dient, verfehlt dessen Wirkung und wird gestrichen. Aus Überzeugung. Igor Strawinsky formulierte diesen Gedanken in seiner Poétique musicale mit verblüffender Klarheit: „Je mehr sich die Kunst beschränkt, desto mehr befreit sie sich.“ Einschränkung als Voraussetzung von Freiheit – für den Einakter ist das keine ästhetische Behauptung, sondern Arbeitsgrundlage. Auch Arnold Schönberg schlug in diese Kerbe: Musik müsse sich „von allem Überflüssigen reinigen“, um zu ihrer stärksten Ausdruckskraft zu gelangen. Mit seiner -knapp dreißig Minuten langen oder doch kurzen?- Erwartung bewies er, wie kompromisslos Oper sein kann.
DER DISKRETE CHARME KURZER OPERN
Beschränkt sich das Komponieren kurzer Stücke auf eine Form des „l´Art pour l´Art“? Ist und war es immer eine Frage des künstlerischen Anspruchs? Eine Antwort darauf erscheint geradezu banal, aber historisch leicht nachvollziehbar. Kurze Opern waren ideale Auftragsarbeiten und Einakter, als Spielwiese für Experimente, perfekt geeignet für besondere Anlässe. Giacomo Puccini, der Meister der großen Gefühle, wusste das sehr genau. In einem Brief bezeichnete er den Einakter als ideale Form, um „eine einzige Situation mit der größtmöglichen theatralischen Wirkung“ darzustellen. Sein berühmtes Werk Gianni Schicchi dauert kaum eine Stunde – und zählt zu den präzisesten und eindringlichsten Opernkomödien. Und auch Sänger:innen wissen den diskreten, aber gnadenlosen Charme kurzer Stücke zu schätzen. „In einem Einakter ist jede Minute Wahrheit – man kann nichts aussingen lassen“, so die Sopranistin Anja Silja.
DER INTELLIGENTE MINIMALISMUS
Dass Eleganz und Tempo, Leichtigkeit und Witz keine Widersprüche sind zeigen die beiden am Programm stehenden Opern Il segreto di Susanna von Wolf-Ferrari und Nino Rotas La notte di un nevrotico. Rotas Werk wurde als „eine Oper wie ein Fiebertraum: intensiv, kurz und danach vorbei“ beschrieben. Der Komponist selbst verstand die kurze Oper als psychologisches Format, mit dem er sich weniger für eine Entwicklung als für Zustände interessiere. Kurzum: Der beklemmende Ausnahmezustand würde in einem dreiaktigen musikalischen Traum im Nichts verblassen. Ähnlich verhält es sich mit Wolf Ferraris Geheimnis der Susanna: Minimalistisch erzählt und komponiert, funktioniert die Mini-Oper als fein gesponnenes Kammerspiel, mit dessen Herzstück: Einer Pointe. Pointen brauchen keine lange Weile, sie leben von ihrem richtigen Timing.
DAS MAß ALLER DINGE …
Ist schlußendlich das richtige Gespür! Eine gute Geschichte oder Idee wird nicht zwingend besser oder größer, wenn man sie in die Länge zieht. Sie droht, an Schärfe und Bedeutung zu verlieren. Der Mut des Weglassens ist oft bereichernder als der Hang zu Überschwang. Denn die Kürze eines Werks erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und die Länge eines Stücks entscheidet bei weitem nicht über die Größe eines Kunstwerks. Kurz und gut: Jedem kreativen Werk seine richtige Zeit und Form.